Die kurhessischen Bürgergarden 1830 bis 1850  

Betrachtet man die Geschichte der kurhessischen Bürgergarden, so kommt man schnell zu dem Begriff des „Spießbürgers in Uniform“, der sich anschickt Militär zu spielen und dem eine gewisse unfreiwillige Komik anhaftet. Eitel und selbstbewusst bewegt und gebärdete sich der Bürger in Uniform, der allerdings bestrebt war, die ihm zugeschobene Rolle als Offizier oder Gardist möglichst gut zu spielen. Dennoch, die Bürgergarden waren wichtiger Ausdruck eines selbstbewussten Bürgertums, das der alleinigen Militärgewalt ihres Fürsten etwas entgegensetzen wollte und das den Beginn einer freiheitlich-liberalen Bewegung kennzeichnete.

 

Offizier der Kassler Bürgergarde, Bild von Erst Metz, 1963

 

Französische Revolution / Napoleonische Kriege

Die Geschichte des 19. Jahrhunderts und die der kurhessischen Bürgergarden muß im engen Zusammenhang mit der französischen Revolution (1789) und den Napoleonischen Kriegen gesehen werden. In Frankreich wurde erstmals im starken Maße der Begriff der Volksbewaffnung geprägt. Der Gedanke einer Volksbewaffnung als Instrument des emanzipierten Bürgertums gegenüber den stehenden Heeren der Monarchen gewann so auch in Deutschland an Boden, wo an die Tradition der mittelalterlichen Schützengesellschaften angeknüpft wurde. Die französischen Organisationsformen dienten später häufig als Vorbild.
In der westfälischen Zeit (1806-1813), der Phase der französischen Besatzung, gehörte Kirchhain zum Departement Werra. Napoleons Bruder Jeromé regierte als König von Westfalen in Kassel und seine Untertanen kamen in den Genuss zahlreicher Errungenschaften der französischen Revolution. Jedoch wurden die Franzosen nach wie vor als Besatzer empfunden. Nicht zuletzt durch den hohen Blutzoll, der auch von den kurhessischen Männern abverlangt wurde. Für Napoleons Kriegsziele mussten 28.000 Hessen am Rußlandfeldzug (1813) teilnehmen. Nur 600 kehrten zurück, von 30 Kirchhainern nur ein Einziger.

 

  

Abschied der kurhessischen freiwilligen Jäger 1814. Gemälde von Eduard Bauer (1821)

 

Mit den Befreiungskriegen 1813/15 kam es zu einer Welle von Patriotismus. Freiwilligenverbände bildeten sich und in Preussen wurde zunächst für die Dauer des Krieges die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Der Gedanke an ein geeintes Deutschland ließ das Ende der Kleinstaaterei in greifbare Nähe rücken. Die Bewohner Kurhessens und der anderen deutschen Staaten wurden jedoch mit ihren Hoffnungen auf freiheitliche Verfassungen von den zurückkehrenden absolutistischen Herrschern enttäuscht. Auf dem Wiener Kongress (1815) wurde unter der Leitung des österreichischen Staatskanzlers von Metternich der Zustand von 1792 in Europa wieder hergestellt.

 

 

Kurfürst Wilhelm I. (Reg. 1785-1821, bis 1803 als Landgraf Wilhelm IX.)

 

Kurhessen zwischen Restauration und Revolution

Ein Teilnehmer des Wiener Kongresses war auch Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel. Er war nach seiner Rückkehr aus dem Prager Exil freudig von der Bevölkerung empfangen worden, aber er entpuppte sich schon bald als ein strengen Verfechter der Restauration. Der Kurfürst führte symbolhaft den verhassten Zopf beim Militär wieder ein und seine antipreußische Politik führte zu einer Isolierung des ohnehin strukturschwachen Kurhessens. Seit dem Beitritt zum Mitteldeutschen Zollverein (1828) ruhte praktisch der Handel mit Frankfurt und dem angrenzenden Hessen-Darmstadt, das einen preußisch-hessischen Zollverein eingegangen war. Besonders der Handel und die ersten Ansätze der Industrie in Hanau wurden durch die Zollschranken von ihren Märkten isoliert. Die Lage spitzte sich zu, als 1830 eine Missernte die Verarmung der Landbevölkerung noch förderte und eine Krise in der Nahrungsmittelversorgung hervorrief.
Seit dem Tod von Wilhelm I. hatte sein Sohn Wilhelm II. 1821 die Regentschaft übernommen. Er schaffte zwar den Zopf beim Militär wieder ab und führte eine fortschrittliche Gebietsreform durch (der Kreis Kirchhain entstand, 1821-1932), jedoch regierte er zäh wie der Vater in der Bewahrung des Überkommenen. Missernten und die rückständigen Verhältnisse führten zu einer Auswanderungswelle. Der Lebenswandel des Kurfürsten verhalf Kurhessen als bald zum Beinamen „Hurhessen“. Wilhelms Beziehung zu seiner Maiträsse, der Gräfin Reichenbach, galt im Volk als unmoralisch, zumal die Sympathien der Untertanen ohnehin der Kurfürstin Auguste galten, die eine preußische Prinzessin war. Als die Gräfin Reichenbach durch ihre politische Einmischung Kurhessen auch noch näher an Österreich rückte wurde dieser Ehekonflikt weiter getrübt.

 

                 

Wilhelm II. und seine Geliebte Emilie Ortlöpp, alias Gräfin Reichenbach

 

Gründung der Bürgergarden 1830

Vor dem Hintergrund der Juli-Revolution (1830) in Paris kam es zur Eskalation. Als bei sinkenden Kornpreisen die Bäcker in Kassel einen Versorgungsengpass ausnutzten, um erneut ihre Preise zu erhöhen, stürmte am Abend des 6. Septembers die Volksmenge die Bäckerläden. Neben dem Militär sorgten auch etwa 300 bewaffnete Bürger spontant dafür, die Ruhe wieder herzustellen und  ihr Eigentum vor weiteren Übergriffen zu schützen. Die Forderung nach einer allgemeinen Bürgerbewaffnung war nun da. Es bestand der Wunsch das Eigentum zu schützen aber man wollte auch mit dem bewaffneten Volk den Fürsten zu Reformen zwingen. Als eine Abordnung von Deputierten aus Hanau ohne Ergebnisse vom Kurfürsten zurückkehrte, kam es auch dort zu Ausschreitungen, die sich in erster Linie gegen die Zollämter um Hanau richteten. Auch hier sorgte eine spontan errichtete Bürgerwehr für die Wiederherstellung der Ruhe.
In Marburg forderte man ebenfalls die Aufhebung der Maut. Polizeidirektor Hast befürchtete Ausschreitungen und berichtete, daß auch hier von den Bürgern die Errichtung der Bürgerwehr verlangt werde. In den Landkreisen wurden vor allem Einfälle aus dem benachbarten Ausland befürchtet. Der Kreisrat des Kreises Kirchhain Biskamp hatte nach Gründung einer Bürgerwache in Kirchhain am 2. Oktober 1830 auch den Magistrat von Neustadt dazu angewiesen. Auch in den Landgemeinden wurden Bürgerwachen errichtet. Am 11. Oktober 1830 erhielten sie nachträglich ihren gesetzlichen Rahmen und den klingenden Namen „Bürgergarde“. Kurfürst Wilhelm II. stand dem zwar anfangs ablehnend gegenüber, konnte aber hinsichtlich der wachsenden Bedrohung schnell von der Notwendigkeit überzeugt werden.

 

Erste Verordnung vom 11ten Oktober 1830 – die Kirchhaner Bürgergarde

In § 1 der Verordnung wurde die Zusammensetzung der landesweiten Bürgerbewaffnung festgelegt, die nun nicht mehr nur aus Freiwilligen, sondern aus Dienstpflichtigen Bürgern, Bürgersöhnen und Grundbesitzern vom 25ten bis zum 45ten Lebensjahr bestand, in Sonderfällen bis zum 50ten Lebensjahr. Vorgesehen waren insgesamt 24 Bataillone, davon entfielen fünf auf die Provinz Oberhessen. Das 13. Bürgerbataillon bestand aus vier Kompanien in Marburg und sollte durch eine halbe Eskadron Bürgerwachen zu Pferde erweitert werden. Die Städte Frankenberg, Frankenau, Rosenthal und Gemünden sowie Ziegenhain, Treysa, Schwarzenborn und Neukirchen stellten das 14. und 15. Bürgergardebataillon. Die Städte Kirchhain, Schweinsberg, Neustadt und Amöneburg bildeten mit je einer Kompanie das 16. Bataillon und das 17. Bataillon wurde mit zwei Kompanien durch Rauschenberg und Wetter gebildet. Abhängig von der örtlichen Bevölkerungszahl sollte eine Kompanie aus 50 bis 120 Mann bestehen, einschließlich zwei Hornisten oder Tambours. An Dienstgraden für eine Kompanie waren an Unteroffizieren ein Feldwebel, ein Sergeant, ein Fourier und je auf zwölf Mann ein Korporal vorgesehen. Die Offiziere waren ein Kapitän (Hauptmann), ein Premier-Lieutenant und ein oder zwei Sekond-Lieutenants.
Die Kirchhainer Bürgergarde bestand 1832/33 bereits aus 4 Offizieren, 16 Unteroffizieren, 4 Spielleuten und 122 Gardisten. Als Offiziere wurden in Kirchhain genannt: Kapitän Johann Schweinsberger, Premier-Lieutenant Konrad Wolf und die Sekond-Lieutenats Johannes Pfeffer und Chr. Maus. Das Unteroffizierkorps bestand aus dem Feldwebel Georg Nasemann, dem Sergeanten Justus Thornmann und den Korporalen Georg Eckhard, Heinrich Daube, Heinrich Gläser, Heinrich Mosebach, Friedrich Schmitt, Heinrich Wilhelm Rutz, Melchior Michel, Georg Fittich, Andreas Müller, Johann Heinrich Thielemann, Johannes Daube, Georg Sandie und Johann Heinrich Müller. Die Spielleute waren: Tambour Heinrich Herwig und die Hornisten Daniel Schröder, Johannes Blum und Justus Brenzel. Auch die Namenslisten der Kirchhainer Bürgergardisten sind im Stadtarchiv Kirchhain (im Hess. Staatsarchiv Marburg) erhalten und führen viele noch heute bekannte Kirchhainer Namen.

 

Die Bürgergarde – Bestandteil der Verfassung

Die Bürgergarde wurde als Ausdruck freiheitlicher Bestrebung und bürgerlichen Selbstbewusstseins sogar in der am 8. Januar 1831 von Kurfürst Wilhelm II. verabschiedeten kurhessischen Verfassung verankert. Diese von dem Marburger Professor Sylvester Jordan maßgeblich geschaffene Verfassung war eine der fortschrittlichsten ihrer Zeit, gab aber den Anlass zum nicht enden wollenden Streit zwischen Fürst und Volk. Im Gesetz „die Bürgergarden betreffend“ vom 23sten Juni 1832 wurde nach den bisher provisorischen Verordnungen der gesetzliche Rahmen geschaffen, der Organisation, Ausrüstung und Aufgaben der Bürgergarden genau formulierte (das Originalgesetztbuch befindet sich in der Sammlung unseres Vereins).
Man war ungeheuer stolz auf die neue Bürgergarde, deren Errichtung Ausstattung und Ausbildung für die nächste Zeit das Hauptinteresse der Bürger in Anspruch nahm. Endlich hatte man der „Soldateska“, der alleinigen Militärgewalt des Fürsten, etwas entgegensetzen und konnte seinen Forderungen politisch Nachdruck verleihen. Die Rivalität zwischen Militär und Bürgertum gipfelte zuweilen in blutigen Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel bei den legendären Gardes-du-Corps Nächten in Kassel, als die Leibgarde des Kurfürsten mit dem blanken Säbel auf wehrlose Demonstranten einhieb und es nur die dortige Bürgergarde vermochte, zu schlichten und für Ruhe zu sorgen.

 

 Exerzierübung der Bürgergarde, Federzeichnung von Otto Ubbelohde in „Prinz Rosa-Stramin“, Aufl. 1923, v. Ernst Koch

 

Exerzierübungen der Bürgergarde; der Kirchhainer „Bürgergardekrawall“

Spielte die Bürgergarde in der Residenzstadt Kassel eine zuweilen nicht unwichtige Rolle, so war das Dasein der Bürgergarden in der Provinz deutlich beschaulicher. Neben Wachen zur Ernte und Obstreifezeit gehörte auch das Antreten zu offiziellen Anlässen und Feiern zu den häufigsten Einsätzen der Bürgergarde in Kirchhain. In der Provinz ließ jedoch das Interesse der Dienstpflichtigen im Laufe der Zeit nach, und aus Kirchhain ist bekannt, dass sich so mancher mit Hilfe eines Attestes der regelmäßigen und als lästig empfundenen Dienste und Exerzierübungen entziehen wollte.

 

Die ungewollte Komik, die manchmal diesen Exerzierübungen der militärspielenden Bürger anhaftete, hat der zeitgenössische Schriftsteller Ernst Koch (1808-1858) in seinem Buch „Prinz Rosa-Stramin“ ein liebevolles Andenken bewahrt. Er beschreibt eine Übung der Schinkenburger Stadtmiliz (gemeint war die Bürgergarde Kassel). Der Kommandeur spricht zu den Gardisten: „Kameraden, es freut mich, daß ihr gekommen seid! Ihr kennt unseren großen Zweck. Zwar ist es zunächst der, Ordnung in Schinkenburg zu halten, und daß die Jungen keine Kanonenschläge mehr legen. - Aber nicht minder groß ist der Zweck, uns gegen äußere Feinde zu verteidigen, und sogar gegen die Türken. Ohne Zweifel ist euch die Absicht bekannt, in welcher ich euch hier habe zusammenblasen lassen! Das Gesetz hatt uns Waffen gegeben und uns zu Waffenbrüdern gemacht. Übung jedoch ist die Mutter der Künste, und wenn wir nicht exerzieren, so werden wir in Zeiten der Gefahr leicht besiegt, in die Flucht geschlagen oder gar getötet werden! Darum wollen wir heute hinausziehen, um uns für den Zweck unseres Daseins vorzubereiten. Es wird diesmal nicht geschossen werden, sondern es werden bloß einige Handgriffe mit den Gewehren und einige Schwenkungen gemacht werden.    Öffnet den Kreis! Linksum kehrt! Vorwärts Marsch!!!“ Und da drehte sich jeder Schinkenburger auf dem Absatze herum und ging geradeaus, und es gab keine Weltgegend, wo nicht ein Schinkenburger darauf losmarschierte. (Text leicht gekürzt)

 

Das lange erwartete Reglement für die Waffenübungen und Dienstbewegungen erschien am 23. November 1835. Danach sollten die Bürgergarden ihre Übungen im Feuer, das „Schießen nach der Scheibe mit scharfer Patrone“, am Geburtstag des Landesherren absolvieren. In Kirchhain war dies immer das herausragenste Ereignis im Bürgergardejahr. Am Vormittag fand gewöhnlich die Übung mit anschließender Parade statt. Am Abend wurde dann bei drangvoller Enge der Bürgergardeball im Rathaussaal abgehalten. Als in einem Jahr der Rathaussaal für den Ball nicht zur Verfügung stand, gab es den in der Ortsgeschichte früher viel erwähnten „Kirchhainer Bürgergardekrawall“.Die Haupträdelsführer, die die Rathaustüre eingetreten hatten, wurden zu mehreren Wochen Haft verurteilt. Und da den Inhaftierten die Gefängniskost nicht schmeckte, sah man jeden Mittag und Abend die Ehefrauen mit Körben und Töpfen zum Amtsgerichtsgefängnis laufen, um den Häftlingen Hausmannskost zu bringen. Die Aufseher drückten hierbei wohlwollend ein Auge zu.  

 

Revolution 1848 und das Ende der Bürgergarden

Die Aufgaben der Bürgergarden bestanden in erster Linie darin, in Verbindung mit der Gendarmerie die öffentliche Ruhe und Ordnung zu sichern. Jedoch waren mit der Dienstpflicht auch liberale Kräfte in die Bürgergarden gekommen, die es ja eigentlich niederzuhalten galt. Die Bürgerbataillone unterstanden zwar formell dem Generalkriegsdepartement, das in der Ernennung der Kommandeure eine direkte Möglichkeit zur Einflussnahme besaß, ihre inneren Strukturen bargen aber das Risiko einer Verselbständigung, denn die Offiziere der Kompanien wurden von den Gardisten frei gewählt. Tatsächlich häuften sich seit dem Ende des Jahres 1830, also nach Einführung der Dienstpflicht, in den Städten mittlerer Größe Vorfälle, bei denen sich Bürgergardisten mit Demonstranten vereinigten. Die liberale Geisteshaltung in der Kirchhainer Bürgergarde spiegelt sich in der Person ihres Kapitäns Schweinsberger wieder. Im April 1834 beantragte Kreisrat Cranz gegen Schweinsberger „als Kapitain und Kommandeur“ der Kirchhainer Bürgergarde „auf dem Wege der Disziplin einzuschreiten.“ Schweinsberger hatte in einem Wirtshaus von Amöneburger Musikanten verlangt „verbotene Freiheitslieder“ wie „Noch ist Polen nicht verloren“ und die „Marseillaise“ zu spielen. Allein der Umstand, das Schweinsberger nicht in der Person des Kapitäns aufgetreten war, verschonte ihn vor Disziplinarmaßnahmen.

 

Minister Hassenpflug, genannt der „Hessenfluch“

 

Besonders nach dem Hambacher Fest und einer anschließenden Massenkundgebung der demokratisch-liberalen Bewegung in Wilhelmsbad, nahm das Innenministerium Anstoß an nationalen Symbolen. Der Bevölkerung Kurhessens wurde im Juni 1832 „das Tragen von schwarz, roth und goldenen Kokarden“ durch Minister Hassenpflug untersagt. Wer sich öffentlich liberal äußerte und aus seiner politischen Auffassung keinen Hehl machte, lief Gefahr in das Visier der Spitzel der kuhessischen Regierung zu geraten.
Im Sommer 1833 erfolgte, nach dem gescheiterten Frankfurter Wachensturm, ein umfangreiches Ermittlungsverfahren gegen eine Gruppe Liberaler um den Marburger Apotheker Döhring. Es wurde die Gelegenheit genutzt, um ebenso mit alten Widersachern wie Sylvester Jordan abzurechnen, wie mit einer Reihe anderer Liberaler. Darunter befanden sich neben dem Kirchhainer Bürgermeister Dr. Heinrich Scheffer auch einige Angehörige der Marburger Bürgergarde, die wegen Hochverrats angeklagt wurden.

 

Revolution 1848, Barrikade

 

Im Hungerjahr 1846 kam es nach einer katastrophalen Missernte zu erneuten Unruhen. Nach dem Tod Wilhelm II. 1847, übernahm sein Sohn und bisheriger Mitregent Kurfürst Friedrich Wilhelm die Regentschaft und strebte eine Verfassungsrevision an. Zwar erfuhren die Bürgergarden während der turbulenten Märztage des Jahres 1848 noch mal einen Auftrieb, so stand ihr endgültiges Ende  doch unmittelbar bevor. In der kurzen Episode zwischen 1848/49 zeigten die Bürgergarden offen ihre politische Einstellung und führten stolz die schwarz-rot-goldene Kokarde am Tschako und schafften sich Fahnen in den selben Farben an (nachweislich in Amöneburg), jedoch spielten sie in Oberhessen keine wesentliche Rolle mehr.
Mit dem Scheitern des Paulskirchenparlaments und der Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König setzte die Reaktion der alten Kräfte mit aller Macht wieder ein. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. berief Ludwig Hassenpflug (aus erster Ehe Schwager der Brüder Grimm), der schon 1832 bis 1837 als Minister ein strikter Verfechter der landesherrlichen Rechte gegenüber den Landständen gewesen war, erneut ins Ministerium. Ende August 1850 verweigerten die Stände die Steuern. Die Regierung verhängte das Kriegsrecht, der Kurfürst und sein Minister flohen aus Kassel nach Wilhelmsbad bei Hanau. Fast das gesamte Offizierkorps, das sich mit dem Eid an die Verfassung gebunden fühlte, verlangte den Abschied (241 Offiziere von 277). Der Kurfürst hatte keine Machtmittel mehr und forderte Unterstützung vom Bundestag, der ein österreichisch-bayerisches Exekutionskorps nach Kurhessen schickte. Die so genannten „Starfbayern“ wurden im November 1850 auch in Kirchhain einquartiert. Unter dem Kommando des Generals Haynau wurden alle freiheitlichen Bestrebungen in Kurhessen unterdrückt und die Bürgergarden aufgelöst.

 

Karikatur einer gemischten Patrouille der Bundestruppen - „Strafbayern“

 

Im großen und ganzen scheint die Kirchhainer Bevölkerung mit dieser Zwangseinquartierung gut ausgekommen zu sein, jedoch gab es zuweilen heftige Schlägereien der Kirchhainer Burschen mit den Bayern, wenn herauskam, dass sich diese mit einem Kirchhainer Mädchen eingelassen hatten.  Die junge Damen bekam dann abends „Katzenmusik“ gespielt und die Burschen sangen: „Hellblau ist bayrisch, grün gacke die Gäns, was sich mit ´nem Bayern abgibt, ist ein schlechtes Mensch.“
Eine neue Verfassung vom 13. April 1852 löste durch Bundesbeschluss die alte Verfassung von 1831 ab. Die bürgerlichen Rechte wurden stark eingeschränkt. Die Bürgergarden waren in dieser Verfassung nicht mehr vorgesehen und hatten ihre Existenzberechtigung endgültig verloren.

 

Bevölkerung und Bürgergarden im Kreis Kirchhain, Ämter Kirchhain, Amöneburg, Neustadt und Rauschenberg.

Bevölkerung
1847

Bürgergarde
1847/8
Bürgerwehr
1849
BewaffnungMusketen/Piken
1852
Justizamt Kirchhain
Kirchhain 1819 109 80/ -
Anzefahr 328 32 31 - / 22
Großseelheim 620 52 64 - / 42
Kleinseelheim 407 26 27 - / 24
Langenstein 612 53 53 - / 38
Niederklein      978 71 80 - / 63
Niederwald 389 48 46 - / 45
Schönbach 159 16 17 - / 16
Schweinsberg 1007 111 45 / -
Stausebach 319 27 25 - / 33
Justizamt Amöneburg
Amöneburg 1175 128 66 / -
Erfurtshausen 349 51 62 - / 32
(Rauisch)Holzhausen 613 48 85 - / 36
Mardorf 943 94 97 - / 48
Roßdorf 659 48 85 - / 42
Rüdigheim 335 28 40 - / 16
Schröck 656 47 69 - / 50
Justizamt Neustadt
Neustadt 1792 230 90 / -
Allendorf 1470 128 167 - / 37
Emsdorf 496 52 54 - / 45
Erksdorf 628 68 70 - / 54
Momberg 712 57 80 - / 35
Ohmes 519 22 93 - / 20
Ruhlkirchen 827 77 73 - / 61
Seibelsdorf 339 34 24 - / 12
Speckswinkel 431 54 66 - / 42
Vockenrod 287 18 32 - / 11
Justizamt Rauschenberg
Rauschenberg 1528 133 70 / -
Albshausen 318 31 43 - / 26
Burgholz 260 37
Ernsthausen 452 49 54 - / 43
Halsdorf 724 41 48 - / 38
Hertingshausen 204 22 17
Himmelsberg 159
Josbach 591 48 70 - / 50
Langendorf 401 44 48 - / 44
Schiffelbach 369 30 30 - / 28
Schwabendorf 422 31 50 - / 30
Sindersfeld 278 28 22 - / 20
Wohra 706 66 101 - / 60
Wolferode 373 30 54 - / 32
Wolfskaute 95 23